Nicht weinen, Tommy
Wednesday, December 27th, 2006Ich möchte die Geschichte eines Jungen erzählen. Eines Jungen, der am 22.12. diesen Jahres um etwa vier Uhr nachmittags mit seinem gepackten Koffer und einer frohen Erwartung seines Heimatlandes, seiner wartenden Freunde und Familienangehörigen daheim sein Haus in der Avenida de Baleares verließ, mit zwei Bussen für schlappe 2.50 EUR in über einer Stunde zum Flughafen von Valencia gelangte und dort mit weiter steigender Vorfreude die Abflughalle betrat. Er war schon oft hier gewesen, jedoch sollte er dieses Mal nicht etwa ein Auto oder Freunde abholen sondern wirklich mit einem Flugzeug wegfliegen. Stellt euch das Gesicht des armen Jungen vor als er seinen Flug nicht auf der Anzeigetafel wiederfand. Er zweifelte an allem. Ist heute der 22.? Ist es fünf Uhr nachmittags? Bin ich in Valencia? Ist dies wirklich die Abflughalle? Ist das mein Name hier auf der LTU-Reservierungsbestätigung, die ich in Händen halte? All dies ließ sich nur mit “ja” beantworten, also suchte er verzweifelt Hilfe bei den Damen an der Information. “Hm… LTU nach Düsseldorf… ja, der ging heute morgen um acht. Der ist schon weg.” Man stelle sich vor: Die bösen, bösen Menschen von LTU haben den Flug einfach auf den Morgen verlegt ohne unserem armen, armen Jungen davon zu berichten… Armer, armer Junge.
Die Damen und Herren am LTU-Schalter hatten selbstverständlich schon Feierabend, denn ihr Flug war ja schon seit Stunden weg. Ein Anruf bei ihnen ließ diese ihm anbieten ersatzweise am Heiligabend um 19:30 Uhr kostenlos zu fliegen, was, wie man sich vorstellen kann, keine sinnvolle Lösung darstellte. Unser armer, armer Junge wandte sich in seiner Verzweiflung also an seine nun neuen Freunde von AirBerlin. Der Flieger dieser netten Herrschaften hatte gerade seine Passagierliste geschlossen. Am gleichen Tag war es also nicht mehr möglich nach Deutschland zu kommen. Man bot ihm einen Flug am nächsten Nachmittag an für gerade mal den 2.5fachen Preis des Fluges, der am Morgen ohne ihn abgehoben war. Was blieb unserem armen, armen… armen Jungen übrig? Er ließ also sein spanisches Konto leerfegen und nahm eine neue Reservierungsnummer mit nach Hause. Zum Glück hatte er nicht das Problem sich eine Unterkunft suchen zu müssen, denn er konnte sich natürlich einfach erneut über eine Stunde in diverse Busse setzen und wieder in sein Häuschen zurückkehren. Lediglich seine Mitbewohner, denen er längst einen schönen Urlaub gewünscht hatte, reagierten etwas verwundert.
Nicht nur dass unser armer, armer Junge (Nennen wir ihn mal Tommy.) nun seine nicht minder mit Vorfreude aufgeputschten Eltern auf der Schwelle der heimischen Haustüre zurückpfeifen und bitten musste über 24 Stunden später zum Flughafen zu fahren, der neue Flug war auch eine echte Verschlechterung. Wäre Tommylein zuvor noch in schlappen 1.5 Stunden von Valencia nach Düsseldorf gelangt, so durfte er sich nun für den nächsten Tag auf eine halbe Stunde Valencia - Palma de Mallorca und weitere zwei Stunden Malle - Düsseldorf sowie eine gute Stunde Aufenthalt im Transitbereich der Traum-Insel freuen. Aber half ja alles nix, der gute Tommy musste nach hause zum Weihnachtsbaum.
Zum Glück nahm sich wenigstens eine gute Seele in Valencia seiner an, als er ihr sein Leid klagte. So verbrachte er den Abend des miesen Tages in Friederike’s und Eva’s WG, in der ein Abschiedspizzabacken stattfand, für all die anderen Leute, die am nächsten Tag fliegen würden. Natürlich checkte jeder, dem er von seinem Schicksal berichtete, sofort den eigenen Flug.
So war also sein Abend gerettet und der arme Tommy musste sich nicht in den Schlaf weinen.
Am nächsten Morgen (grausames Schicksal) war ein Frühstück für den guten Tommy organisiert worden, bei dem er all die lieben Menschen seiner Heimat wiedersehen sollte. Dieses musste nun also ohne ihn stattfinden, was weiteres Leid und weitere Trauer in die Welt brachte. Durch die Erungenschaften unseres tollen Jahrhunderts war es diesen Menschen aber zumindest möglich unter temporärer Anwesenheit seiner Stimme zu frühstücken. Außerdem wurden auf diesem Treffen weitere Gelegenheiten ausgemacht, die Tommy mit diesen Menschen zusammenführen sollten.
Die wirkliche Rückreise nach Deutschland verlief dann vergleichsweise problemlos. Zwar musste es natürlich in der einen Stunde, in der sich unser lieber Freund auf Malle aufhielt, regnen, so dass nicht nur er selbst, sondern auch sein Koffer relativ feucht im Flugzeug ankamen, und natürlich war das Flugzeug angefüllt mir nervigen deutschen Ballermann-Touristen, aber man wird ja bescheiden nach solch einem Erlebnis.
Noch was: Als das Koffer in Düsseldorf ankam, fehlten einer der Zigaretten-Stangen, die Tommy genötigt wurde für seine Eltern mitzubringen, zwei Schachteln. Da hatte also einer der Kofferschmeißer das mit dem Trinkgeld selbst in die Hand genommen. Wir leben in einer schlimmen Welt.
Aber die Hauptsache ist, dass der gute Tommy heil in Deutschland angekommen ist und ein sehr schönes Weihnachtsfest verleben konnte. Nun wird sein Terminkalender voller und voller mit all den Menschen, die er noch sehen möchte, bevor er sich wieder für ein paar Monate außer Landes begibt.