Erasmus-Tagesgeschäft

Am Mittwoch haben wir mal wieder (klingt als würden wir das ständig tun; falsch) einen Erasmus-Abend verlebt. Wir trafen uns zunächst in der Bodega. (Valencia hat zig davon, aber es gibt eine herausragende, und jeder weiß, wovon man spricht, wenn man nur Bodega sagt.) Weil da hauptsächlich Erasmusler abhängen, bekommt man dort schon kaum noch nen Stehplatz, wenn die Spanier erstmal das Haus verlassen. Es heißt also früh da sein. Da ich Mittwochs immer bis acht Uhr Vorlesung habe, war ich bisher immer jemand, für den man einen Stuhl freihalten musste. Diesmal war das anders. Die Vorlesung war schon nach der halben Zeit rum. Die Entscheidung, ob ich meine Uni-Tasche mit auf den Erasmus-Abend nehme oder von der Uni erst nach hause und dann ziemlich genau den halben Weg wieder zurück zur Bodega latsche, nahm ich mir ab, indem ich in der Uni lediglich mit einem leeren Zettel und einem Stift in der Tasche aufkreuzte, was ich nichtmal brauchte. Es war die letzte Vorlesung, und viel passierte da nicht mehr. Aber ich wollte vorbereitet sein, falls die Dozentin irgendwas über die Klausur verrät.
Gegen acht uhr stand ich also schon vor der Bodega, aber natürlich war niemand sonst dort (Treffzeitpunkt war ja auch bloß um acht). Ich hab dann Heta und Bea zu hause abgeholt, weil die beiden nicht weit von dort wohnen. Als wir dann zu dritt wiederkamen, waren alle weiteren Personen dort. Sandra hatte mit ihrer Mitbewohnerin die ganze Aktion überhaupt erst angezettelt und war mit eingefleischten Erasmus-Abend-Veteranen zusammen dort. Wir waren insgesamt neun Menschen (ein Geburtstagskind) und futterten und becherten ziemlich umfangreich von acht bis nach zwölf (wie man das in dem Laden halt so macht). Am Ende war jeder dann schlappe sieben Euro los. Ja, günstig ist der Laden auch noch. Darum ist es dort auch immer - vorsichtig ausgedrückt - unheimlich voll. Am Mittwoch war es erstaunlich leer. Man konnte den ganzen Abend lang die Eingangstüre sehen, es blieb ständig ein begehbarer Gang in der Mitte frei und ich hab sogar noch irgendwo Stühle rumstehen sehen. Normalerweise kann man hier nach acht Uhr die Hoffnung auf einen Sitzplatz und nach zehn auch die auf einen Stehplatz begraben. Da wollte ich den Leuten endlich mal zeigen, wie voll der Laden werden kann, und da läuft da nix. :) Es wird vermutlich an der Prüfungsphase liegen, die man vielen Erasmuslern ja nicht anmerkt, die auf der Straße antreffbaren Spanier aber spürbar ausdünnt. Diese Bodega ist Ausgangspunkt für unheimlich viele Erasmus-Abende. Wenn man dort rausgekehrt wird (zwischen zwölf und eins), geht man in eine Bar oder sowas. Wir waren (fast die einzigen) im Cafe Paris, das tagsüber wie eine abrissreife Ruine und nachts wie ein Bordell aussieht. Von innen ist es da aber ganz nett, und man kann nicht nur Agua de Valencia genießen, sondern auch viele andere “Aguas”, die sich alle durch die zugesetzten Säfte unterscheiden. Die restlichen Zutaten, die auf der Karte mit “Alcohol y Champán” umschrieben werden, sind invariant. Da das Geburtstagskind unter uns scheinbar viele andere Menschen motiviert hatte uns beizuwohnen, war unsere Gruppe zu dieser Zeit schon auf über 15 Menschen angewachsen. Auch Jonas kam plötzlich mit einem Schwung Leute die Tür rein. Interessant, wer einem auf so einem Abend so alles begegnet. :) Wir bestellten die eine oder andere Karaffe und bekamen hinterher sogar noch eine geschenkt, von der ich weiterhin behaupte, dass ihr Inhalt nicht nur aussah wie Spülmittel.
Der letzte Abschnitt eines traditionellen Erasmus-Abends (Er beginnt so gegen 2 oder 3 Uhr.) findet in einer Disco statt, wofür man sich mittwochs in der Regel das “Caribeans” aussucht. Fragt mich nicht, warum? Niemand weiß es, aber alle sind dort. Vermutlich gerade deshalb. :) Man stelle sich also einen winzigen Kellerraum mit DJ und Theke vor, in dem sich hunderte Erasmusler drängen. Eine schöne Art seine Zeit zu verbringen, nicht? Meiner Ansicht nach kann man in dem Laden eigentlich nichts vernünftig tun. Zu eng zum Tanzen, zu laut zum Reden, zu teuer zum Saufen, … was zu gehen scheint ist Frauen aufzureißen, aber auch nur, wenn man sie schon Stunden zuvor - beispielsweise in einer Bodega - abgefüllt hat. Man hört und sieht auf jeden Fall ständig solche “Erfolgsgeschichten”. Da das nun jetzt nicht grad eines meiner Hobbys ist, fühl ich mich in dem Laden nicht wirklich wohl. Eigentlich wollte ich da noch nie hin. Ich wurde am Mittwoch nun zum dritten Mal abgefüllt und dorthin geschliffen. :) Naja, ich bin nach kurzer Zeit gegangen und die anderen, wie ich mir hinterher habe sagen lassen, dann auch recht bald.
Am nächsten Morgen gestaltete sich das Aufstehen dann etwas unschön, unter anderem weil es recht früh geschehen musste. Denn ich hatte mich in der Uni verabredet um ein Projektchen für Freitag zu vollenden. Das lief aber auch ganz gut.

Bea scheint von uns allen am meisten Spaß gehabt zu haben. (Vielleicht wurde sie noch getoppt von dem Typen unter uns, der der Erzählung nach zu den erfolgreichen Abschleppern des Abends gehörte.) Sie wollte dann gestern direkt wieder weg. Monatelang rennen wir hier rum und haben quasi nie sowas gemacht. Ich würde auch sagen, dass wir nicht so höllisch viel verpasst haben. Man sollte es mal erleben, aber ich könnte mir nie vorstellen, das wöchentlich oder gar öfter zu machen. Bea jedoch wollte wieder los, also haben wir gestern noch was nettes Kleines erlebt. Wir waren in einer Crepería am Plaza de la Virgen und danach in einer Bar in “El Carmen”, dem Altstadt-Viertel von Valencia. Das war die gleiche Bar, in der wir einst mit den Spanisch-Lehrerinnen waren (niemand wird sich daran erinnern), aber diesmal waren wir in dem gemütlichen Teil. An dem Abend haben wir Isabels Vater kennengelernt, der zur Zeit zu Besuch ist. War ein sehr schöner Abend. Völlig anders als der davor, aber beide fein. :)

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