“Die Gemüse-Paella, aber bitte nur mit Gemüse.”
Am letzten Wochenende war ich mit Friederike, Eva, Marco, Miguel und drei Besuchern von Marco, die ich vorher nie gesehen hatte, auf einer Fahrradtour zum Albufera. Das ist ein Naturschutzgebiet ein wenig im Süden von Valencia mit einem fetten See mitten drin. Außerdem gibt es dort noch “El Saler”, ein Dörfchen und namensgleich der angeblich beste Strand der Gegend hier. Dort gibt es der Sage nach auch einige der besten Paella-Reastaurants.
Zwar verfügt hier der eine oder andere über ein Fahrrad, aber für diese Aktion liehen wir dann doch geschlossen welche aus. Das lief dann auch äußerst spanisch ab. Der Laden liegt mitten in der Altstadt und öffnet offiziell um elf Uhr. Zu dieser Zeit trafen wir uns dort (natürlich kamen alle nach spanischer Sitte zu spät) um auch schon um 11:15 den Laden betreten zu können, nachdem ein sehr verschlafen aussehender Typ auf einem Fahrrad ankam und die Tür öffnete. Er machte den Eindruck in der Nacht zuvor nicht wirklich geschlafen zu haben. Es waren dann noch wenige Menschen vor uns, aber irgendwie hat sich der Mensch für jedes Fahrrad, das seinen Laden verließ, unheimlich viel Zeit gelassen. Und wir waren zu acht. Man kann sich vorstellen, wie komplex unser Wunsch war (dabei hatten wir zuvor reserviert). Um zwölf waren wir dann auch schon auf dem Weg.
Wie immer war das schwierigste aus Valencia raus zu finden. Zwar ist das mit dem Fahrrad viel einfacher als mit dem Auto, aber wenn man nur sehr grob weiß, wo man überhaupt hin will, erschwert das die Sache schon. Unser Trip war nämlich auch sehr spanisch geplant… also gar nicht. Wir kannten zwar die Richtung, in die es in etwa gehen sollte, aber der einzige von uns, der schonmal dort war (Miguel), tat dies natürlich mit dem Auto. Spanier sind eh nicht so die Menschen, die lange Strecken mit Fahrrädern zurücklegen. Innerhalb der Stadt sieht man sie schon (auch nicht übermäßig viel; die mit den Fahrrädern sind eher Erasmus-Leute), aber außerhalb dann nicht mehr so wirklich. Entsprechend unzahlreich sind auch Radwege und ähnliches vorhanden. Ein Weilchen folgten wir einem bis Miguel dann plötzlich sagte: “Das kenn ich. Hier lang.” Niemand dachte wohl noch an die Tatsache, dass er bisher immer das Auto nahm um zum Albufera zu fahren. Somit fanden wir uns kurze Zeit später auf der Bundesstraße wieder, die jeder anständige Spanier mit seinem Auto dorthin befuhr. Klar, wir Deutschen haben kein Problem damit dort lang zu fahren (wie’s sich gehört auf der linken Seite), aber Miguel wurde mal wieder in seiner “Crazy Germans”-Ansicht bestärkt. Was dieser Mann durch seine exotischen Mitbewohner schon alles erlebt hat… Die anderen Spanier, die wir in ihren Autos sitzend auf der Straße trafen, waren von unserer Vorgehensweise allerdings auch nicht sehr angetan. Diejenigen, die nicht geistesgegenwärtig beim Vorbeirauschen die Hupe betätigten um ihren Missmut zu äußern, machten einen etwas überforderten Eindruck und man konnte fast meinen, sie hätten Angst gehabt uns zu überholen (als wir noch auf der rechten Seite fuhren). Scheinbar wird einem in der Fahrschule in Spanien nicht beigebracht mit solchen Situationen umzugehen. Fahrräder auf der Straße. Wie absurd.
Nach einer (vermutlich hauptsächlich durch unser Herumirren innerhalb Valencias) recht lange erscheinenden Zeit kamen wir im Albufera an. Blöd war halt, dass wir nicht die bequemsten Fahrräder erwischt hatten (erst recht nicht für die Großen unter uns) und z.b. Miguel das letzte Mal mit 10 Jahren überhaupt auf einem Fahrrad gesessen hatte und auch sonst kein Fan körperlicher Bewegung ist. Wir fuhren bis zum See. Auf dem Weg dorthin war es schon windig. Klar, da steig ich hier einmal auf ein Fahrrad und schon ist Sturm. Aber am See war es dann echt ungemütlich. Irgendwie war auch sonst niemand dort. Wir fanden all die Menschen in El Saler in den Paella-Restaurants wieder. Wir bestellten mehrere Sorten. Zum einen überforderten wir den Kellner erneut nahezu mit Friederikes Wunsch nach etwas vegetarischem. In Spanien reagieren die Menschen beim Ansprechen dieser Thematik immer noch irgendwie sonderbar, als wolle man die Paella püriert mit dem Stohhalm genießen oder was Vergleichbares. Fun Fact: “Paella de Verdura” (Gemüse-Paella) klingt vielversprechend, enthält aber scheinbar irgendwie nicht nur Gemüse (wäre ja… ich weiß nicht… logisch?). Ich glaube, wir bestellten dann eine modifizierte Version dieser, die dann eben wirklich nur Gemüse enthielt. “Die Gemüse-Paella, aber bitte nur mit Gemüse.” @-) Natürlich nur eine möglichst kleine Pfanne. Eva gesellte sich zu Friederike, weil es Paella in der Regel nur für mindestens zwei Menschen gibt. Auch ich probierte und fand es zwar ungewöhnlich, aber gar nicht so verkehrt. Miguel meinte, er fühle sich nach dem Kosten nicht mehr als Mann, aber es würde nicht wirklich schlecht schmecken. Die zweite Sorte war die Lieblingssorte von Miguel, deren Name mir nicht mehr einfällt (”Arroz Abando” oder sowas). Diese enthält kaum Gemüse und ansonsten Tintenfisch und noch was schwimmendes. Außerdem tun die irgendwie viel Geschmack an den Reis (wie auch immeR). Auf alle Fälle äußerst lecker. Ich glaube, ich mag am liebsten die Sorten mit Meeresfrüchten. Es gibt noch eine weitere (die vermutlich berühmteste: Paella de marisco), die auch die fette Garnelen draufliegen hat. Unsere dritte Wahl fiel auf die “Paella Valenciana”, die man natürlich mal gegessen haben muss, wenn man hier ist. Sie enthält Hühnchen und Häschen als Fleisch und noch gewisses Gemüse, das ich zuvor noch nie gesehen hab. Schmeckt auch echt nicht verkehrt, aber ich bin wohl eher der Meer-Paella-Mensch. Natürlich musste die valencianische aber dabei sein, weil wir ja Gäste hatten. Das war insgesamt ein sehr spanischer Tag für diese. Haben einiges typisches mitbekommen. Vor der Paella gab es noch Brot mit Tomate (bestrichen), auch sehr valencianisch und zwischendrin Brot mit Knoblauch-Aufstrich. Das hab ich zwar woanders auch schon gesehen, aber hier scheint es auch üblich. Insgesamt war es ein echt klasse Essen. Und gar nicht so teuer. Wir hatten mit viel mehr gerechnet. Nun hatten wir nicht die teuersten Paella-Sorten der Welt, aber so 15 Euro in einem guten Paella-Restaurant mit Wein, Brot und allem drum und dran ist nicht viel.
Während wir vor dem Essen auf unseren Tisch warteten (ja, es war voll, schließlich Sonntag), erzählte uns Miguel die Legende von der Entstehung der Flagge der Comunidad (sowas wie bei uns ein Bundesland) “Valencia” (welche die Provinz (wie bei uns ein Kreis) “Valencia” enthält, in welcher wiederum die Stadt “Valencia” liegt): Das Stück Spaniens, was heute aus den autonomen Regionen (wie wir die Comunidades nennen) “Aragón” (Aragonien), “Cataluña” (Katalonien), “Valencia” und “Islas Baleares” (Balearische Inseln) besteht, gehörte früher (12. Jhdt.) zum Königreich Aragón. Dieses hatte zwar ein Wappen oder sowas, aber keine Flagge. Als die Aragonier dann mal wieder gegen einige Mauren kämpften (was scheinbar öfter mal vorkam) und der erste König von Aragón (Jaime I., bei uns heißt er wohl Jakob) verwundet in seinem Zelt lag, forderten die Männer eine Flagge, unter der sie kämpfen konnten (Motivation halt). Der Legende nach nahm Jaime also die Hand, die eben noch auf seiner Wunde lag, ein gelbes Tuch und fuhr mit seinen blutverschmierten Fingern darüber. Daher also die vier roten Streifen auf gelbem Grund. Dies war fortan die Flagge des Königreichs Aragonien und heute ist es die von Katalunien. Da sich die Valencianer ein wenig von den Katalanen distanzieren wollten, fügten sie ihrer eigenen Flagge das blaue Geschnörkel bei, was ihren Rand ziert. Die Balearischen Inseln haben ein Schloss in der oberen linken Ecke und die Comunidad Aragonien ein Wappen mit drauf. Wie immer kommt das Rot in der Flagge also vom Blut. Genau wie in der spanischen Flagge, wie Miguel dann noch nebenbei erwähnte. Der goldene Teil stelle das Gold der neuen Welt dar (Spanien war durch die Eroberung ihrer südamerikanischen Provinzen sehr reich geworden.) und das Rot das Blut das bei der Eroberung vergossen wurde (vermutlich eher das spanische).
Nach Geschichtsstunde und Essen machten wir uns dann gestärkt auf den Rückweg, schauten aber vorher noch am Strand vorbei. Natürlich nicht an dem besten Stück (das wäre nochmal was weiter gewesen), aber auch die Stelle, an der wir waren, war schon nicht so verkehrt. Der Rückweg kam uns dann auch deutlich kürzer vor. Wir machten auf dem Weg in die Altstadt noch kurz im Turia Halt und brachten dann in einer ebenso erstaunlich lang andauernden Prozedur die Fahrräder wieder zurück. Ich habe schon Autos und sogar meine Wohnung in kürzerer Zeit gemietet. Wirklich bemerkenswert.
Nach der Fahrradtour wollten wir zunächst noch an dem Abend der Einleitung der Fallas beiwohnen. Die Fallas-Königin (wohl sowas wie unsere Karnevalsprinzessin) hält da ne Rede und hinterher gibt’s natürlich fett Feuerwerk und so… aber es regnete und wir hatten keine Lust nach der Anstrengung noch stundenlang rumzustehen. Ich hab mir sagen lassen, es soll echt schön gewesen sein. Aber die Fallas bieten ja noch einiges mehr.
Wir waren dann noch fix in einer Horchateria am Plaza de la Reina. Oder eher in einer DER Horchaterien in Valencia. Die besteht schon nahezu 100 Jahre und sieht von innen echt stark aus (von außen natürlich unscheinbar), denn Horchata ist natürlich auch typisch spanisch und vor allem typisch valencianisch und musste unseren Gästen nähergebracht werden.
Mehr pack ich besser nicht in diesen Artikel, sondern verarbeite es zu weiteren kleineren.
December 12th, 2009 at 0:16
Wow, langer Artikel. Unser Aufenthalt in Altea (bis Valencia sind wir nicht gekommen) hat uns auch einige Paellas probieren lassen…