So. Nun da alles vorbei ist, lasse ich mal allgemein was zu den Fallas von mir: Definitiv das verrückteste und krankeste Fest, das ich je erlebt habe. Ich fürchte, meine Erzählungen werden dem niemals gerecht werden. Es glaubt einem auch keiner, wenn man das erzählt. Zum Glück hab ich Zeugen. Man kommt einfach aus dem Kopfschütteln nicht mehr raus. Vom 1. bis zum 20. März schaffen es die Valencianer wieder und wieder ihre bisherigen Aktionen in den Schatten zu stellen. Die Stadt befindet sich fast einen ganzen Monat lang im Ausnahmezustand. Es herrscht überall mehr oder weniger Kriegsatmosphäre, zig Straßen sind unbefahrbar, kaum ein Bus fährt seine übliche Route, die ganze Innenstadt ist ständig voller Menschen, (Und wenn ich sage “voll”, dann heißt das, jeder hat gerade Platz zu stehen.) ständig gibt’s überall Musik, Umzüge und Knallerei, riesige kunstvoll gestaltete Puppen an jeder Kreuzung, nachts taghell erleuchtete Straßenzüge, zum Schluss ein unfassbares Inferno und dann ist alles ganz plötzlich vorbei. Ich kann mittlerweile äußerst gut verstehen, warum sehr viele Menschen zumindest über das eigentliche Fallas-Wochenende die Stadt verlassen. Also der wirkliche Hintergrund der Fallas ist mir nicht bekannt. Ich werde ihn mal recherchieren, weil mich wirklich interessiert, was diese ganzen kranken Aktionen für nen Sinn haben. Allerdings ist der wahre Grund wohl längst verwischt und das Fest hat sich zu dem, was es heute ist, entwickelt.
Nun im Einzelnen: In Valencia gibt es 382 Gruppierungen (vergleichbar mit unseren Karnevalsvereinen), die bestimmte Straßenzüge repräsentieren. Diese Vereine organisieren das ganze Jahr über allerhand Festivitäten und kümmern sich unter anderem um die Fertigung einer mehr oder weniger riesigen Puppe. Diese wird am 15. März nachts aufgestellt (bei solch großen Teilen fängt man damit allerdings meist schon Wochen vorher an) und ist dann ein paar Tage zu bewundern. Unterstützt wird das ganze von Straßenbeleuchtungen und -verziehrungen, die das, was die hier an Weihnachten so aufhängen, zu einem schlechten Witz degradieren. Die Puppen sind alle von Profis entworfen und gefertigt und teilweise wirklich 6 oder 8 Stockwerke hoch. Sie enthalten ein Holz-Gerüst und sind außen aus Kunststoff modelliert. Solch schöne Teile (oder zumindest ihre Baustelle) wollen natürlich den ganzen März über nachts nett beleuchtet sein. Also um Strom (oder auch um Geld und Umwelt allgemein) machen sich die Valencianer im März mal so gar keine Gedanken. Es gibt dann diverse Preise, die so ne Puppe oder auch Straße gewinnen kann (jeder, der will, kann abstimmen) und in der Nacht vom 19. auf den 20. März (San José) werden dann alle Puppen einfach abgefackelt. Ja genau, diese Puppen, die teils RICHTIG Geld kosten (Der Rekord in diesem Jahr lag bei deutlich über 600.000 EUR.) und die durch ihre Ausmaße und ihr Material brennend ein nicht zu vernachlässigendes Risiko darstellen, werden (nachdem sie gute 96 Stunden stehen) spektakulär niedergebrannt. Dazu später mehr.
Die Fallas haben auch nette Elemente. So gibt es beispielsweise zwei Tage, an denen jeder Verein seine Leute auf die Straße schickt und große Umzüge stattfinden. Die gesamte Innenstadt ist dann quasi nicht begehbar. Die ziehen stundenlang durch die Straßen und präsentieren quasi ihre Fallas-Mädels (Frauen im traditionellen Outfit). Diese tragen alle ein Sträußchen Blumen zum Plaza de la Virgen, auf dem dann ein riesiges Gestell steht, in das die alle von ein paar Leuten rein gesteckt werden, so dass daraus die Jungfrau (oder eher ihr Gewand) entsteht. Das Ganze dauert ungelogen etwa zwei Tage, und in dieser Zeit gehört es wirklich zu den blödesten Ideen sich in der Innenstadt von A nach B bewegen zu wollen.
Das Randprogramm der Fallas ist auch nicht ohne. Zunächst steht in jeder Seitenstraße ein großes Zelt, in dem die Gemeinschaft nicht selten feiert, das heißt auf der Straße Paella zubereitet, verputzt und ordentlich Lärm verursacht. Das ist auch schon das Stichwort. Die Fallas sind bestimmt das lauteste Fest überhaupt. Nicht nur weil jeder Mensch in Valencia im März mit Feuerwerkskörpern unterwegs ist und die ständig wo er geht und steht zündet (quasi wie Silvester bei uns nur heftiger - nter anderem weil das Zeug viel günstiger ist - und halt fast nen Monat lang). Die Stadt selbst macht auch fleißig mit. Vom 1. bis zum 19. März gibt es jeden Mittag um 14 Uhr eine Mascletá auf dem Rathausplatz, zu der tausende Menschen dorthin ströhmen.
Eine Mascletá kann man auch schwer in seinen Kopf bekommen, wenn man noch keine erlebt hat. Es mag in die Kategorie “Feuerwerk” fallen, ist aber eigentlich sehr anders. Denn wenn sowas mitten am Tag abgehalten wird, kann man mit schönen bunten Farben nicht viel gewinnen. Was tagsüber geht, ist Krach zu machen, und da die Valencianer davon was verstehen, ist das auch das Haupt-Element einer Mascletá. Der ganze Platz ist voller Sprengkörper und Kanonen, die in genau abgestimmter zeitlicher Abfolge ihre Pulver verschießen. Dann kommen so nette Sachen wie bunter Rauch oder Flitterkram in der Luft dazu, aber im Wesentlichen schießt man was in den Himmel, was dort dann laut explodiert oder lässt es gleich am Boden krachen. Die Lautstärken, die dort erreicht werden, liegen durchaus oberhalb der Schmerzgrenze des menschlichen Ohrs. Dennoch gibt es Menschen, die zwei Stunden vor Beginn auf dem Rathausplatz stehen um einen Platz in der ersten Reihe hinter dem nicht sehr großzügig bemessenen Sicherheitsabstand zu ergattern. Die weniger harten Schweine (oder die, die sich nicht ewig durch Menschenmassen zwängen wollen) stehen halt 100 Meter weiter hinten und haben’s immer noch derbe laut. Mir wurde mal gesagt, eine Mascletá habe einen Rhythmus. Ich habe bisher erst einmal wenige Sekunden lang sowas rausgehört. Meiner Ansicht nach ist es einfach Krach. Es fängt recht harmlos an - langsam und verhältnismäßig leise. Zehn und fünf Minuten vor Beginn kündigt ein einzelner Knall an, dass es bald los geht. Um Punkt zwei tritt die Fallas-Königin (vergleichbar mit einer Karnevalsprinzessin) auf den Balkon des Rathauses, bringt irgendnen Spruch und die Hölle bricht los. Das Ganze steigert sich recht schnell (weil es ja kaum länger als 5 Minuten dauert) und gipfelt im Finale, das sich vielleicht anhört wie ein Maschinengewehr, das Granaten verschießt. Man sieht nach wenigen Sekunden nichts mehr in dem Rauch, nichtmal die hellen Lichtblitze, die diese Granaten aussenden. Es ist nur noch ein einziger Krach, der vielleicht 20 Sekunden dauert. Zu dem Lärm gesellen sich dann noch die entsprechenden Druckwellen, die eine Vorstellung von der Kraft der Explosionen liefern. Zum Schluss gibt es dann drei einzelne Explosionen, die das Ende markieren und meist vom Jubel der Menge übertönt werden, der bisher immer noch heftiger in den Ohren dröhnte als die Böller.
Wenn ein solches Event startet, kann man sich eigentlich in der Stadt befinden, wo man will; es ist immer laut. Ich habe das in der Uni gehört, zu hause, im Turia, am Strand, selbst in Alboraya, einem Vorort von Valencia, in dem ich mit meinem Besuch war. Man hört es überall in einer Nahezu-Millonenstadt; ich finde, das sagt was aus. Zum Ende des Monats hin gesellen sich dann immer mehr weitere Mascletás hinzu, die in irgendwelchen Straßen mehr oder weniger privat abgehalten werden, sowie am eigentlichen Fallas-Wochenende jede Nacht ein Feuerwerk, das man nirgens sonst in dieser Dimension zu sehen bekommt. Es ist wirklich erstaunlich. Man ist ständig im Glauben um einen herum würden Häuser eingerissen oder sowas. Es herrscht Krach… immer. Man wacht auf - es ist Krach. Man schläft ein - es ist Krach. Immer und überall. Mal mehr und mal weniger, aber es ist immer laut. Als wir am Sonntag am Strand waren, hörte das gar nicht mehr auf. Die Mascletá vom Rathausplatz ging schon fast unter. Viele viele Minuten lang ging ein Schlachtfeld nach dem anderen hoch. Vom Strand aus konnte man auch noch alles fein sehen. Und anders als zwischen den Häusern, wo der Schall sonstwo lang geht, hörte man dort auch, von wo der Krach kommt.
Die letzte Nacht der Fallas verdient besondere Erwähnung, denn hier werden die Puppen verbrannt. Zuerst die kleinen, das ist noch gemütlich, aber dann die großen. Und am Schluss die auf dem Rathausplatz, die von der Stadt bezahlt wurde (aber deswegen nicht unbedingt die spektakulärste ist). Verbrennen tun die Valencianer etwas natürlich nicht indem sie einfach ein Streichholz dran halten. Erstmal gibt’s bisschen Feuerwerk drumherum, dann ein Mascletáchen, das quasi um die Puppe rum geht, so dass diese Feuer fängt. Unterstützt wird das durch die Raketen und die Fläschchen mit klarer Flüssigkeit, die vorher in der Puppe plaziert wurden. So eine kleine Puppe brennt auch echt fix weg (manche Teile schmilzen auch eher) und dicke schwarze Rauchschwaden steigen in den Himmel. Alle sind fröhlich und tanzen umher, singen, jubeln, machen sonstwas in der Art. Zwei Stunden später sind die großen Puppen dran. Das läuft nach ähnlichem Prinzip ab, ist halt nur größer. Größere Puppe, größere Flaschen, größere Raketen, größere Mascletá, … größere Flammen. Klar, ne haushohe Puppe produziert halt haushohes Feuer. Da stehen dann immer ein paar Männchen von der Feuerwehr rum und krasse Teile, die von der Puppe runterfallen könnten, sind auch manchmal vorher schon abgetrennt und daneben gelegt worden. Aber im Wesentlichen brennt das Teil einfach mal so weg, fällt in sich zusammen und die Leute stehen quasi direkt daneben. Jedes Osterfeuer bei uns hat mehr Sicherheitsabstand. Genaueres zu “unserer” Verbrennung weiter oben beim 19. Es war ein echt krasses Erlebnis.
Und am nächsten Morgen war dann alles vorbei. Wie am Morgen nach einer Schlacht (nachdem die Stadtreinigung bereits erstes beseitig hat). Mit einem Mal war es ruhig. Es ist wirklich erstaunlich. Ich lebte vorher sechs Monate in dieser Stadt und es war halt immer so, aber nach Wochen des Radaus und des Krawalls wirkt der Unterschied zum normalen Geräuschpegel unglaublich krass. Der normale Stadt-Lärm ist immer noch da und jemand, der die Stadt an diesem Tage zum ersten Mal betreten würde, wäre wie ich damals der Ansicht, es wäre schon recht laut hier, aber für uns war es eine wunderschöne Stille. Vielleicht gibt es einen Ehren-Kodex, dass man direkt nach den Fallas keine Feuerwerkskörper abfeuert, oder die Bewohner haben schlicht nix mehr.
Jetzt, eine knappe Woche danach, hört man hier und da wieder was. Entweder geht also jetzt das Reste-Verballern los, oder wir erreichen wieder den normalen Feuerwerksgeräuschpegel, den Valencia so mit sich bringt das ganze Jahr über. Irgendwie kann ich mich an den nicht mehr recht erinnern…
Im Prinzip verläuft die Kurve bei den Fallas wie bei einer Mascletá. Es geht ruhig los, steigert sich in kleinen, aber schnellen Schritten, hat ein immenses Finale und endet dann sehr abrupt. Eine irre Erfahrung. Ich bin trotz all der Anstrengungen, des Stresses und der… nun ja… Gefahr sehr froh dabei gewesen zu sein.
Das mit der Puppen-Abstimmerei gab uns allerdings bis zum Schluss Rätsel auf. Wir waren zwischendurch in einer Ausstellung, in der man Modelle der ganzen Puppen sieht und für eines seine Stimme abgeben kann… so dachten wir. Es gibt übrigens nicht nur 382 große Puppen, sondern nochmal ebensoviele kleine Kinderpuppen, die halt eher Kinderthemen ansprechen und nicht so gesellschaftskritische wie die großen. Also zunächst mal war es viel zu schwierig seine Stimme nur einer Puppe zu geben, weil die fast alle klasse waren und nach den großen Modellen hatten wir kaum noch Aufmerksamkeit und Fußkraft übrig für die ganzen Kinder-Modelle. Aber als wir später wieder durch die Straßen zogen, erkannten wir keine einzige Puppe aus der Sammlung wieder. Als die Ausstellung geschlossen wurde, sahen wir dann, dass neben den großen Puppen in der Straße immer mehrere der Modelle aufgestellt waren, die wir bereits aus der Ausstellung kannten und die auch nachher mit verbrannt wurden. Neben den Kinderpuppen stand nichts. Alles sehr verwirrend. Ich werde bald mal einen Spanier damit konfrontieren müssen.
Insgesamt also ein eigentlich nettes Fest, das die Valencianer allerdings wohl ziemlich modifiziert haben, damit es ihrer Lebensweise gerecht wird. Sie müssen halt alles laut haben und mit viel Krawall. Außerdem zünden sie scheinbar gerne Dinge an. Es gibt hier im März so viel Programm. Wir waren jeden Tag echt geschlaucht und konnten bei weitem nicht an allem teilnehmen. Ich habe von Leuten gehört, die quasi jede Nacht durch gemacht haben, aber damit wären wir echt hin gewesen. Wir wollten ja nicht nur Fallas erleben hier. Teils wurde das durch die Festivitäten natürlich erschwert. Ich denke mal, im März bekommt kein Feuerwehrmann, kein Polizist und bestimmt niemand von der Stadtreinigung Urlaub. Andererseits läuft hier in der Zeit echt nicht viel. Alle Professoren vertraten, was Arbeit anging, meist die Ansicht “nach den Fallas”.
Was wohl klar ist: Bei uns gäb’s sowas nicht. Abgesehen von dem, was die Stadt auf sich nimmt um das durchzuziehen, würde jeder Sicherheitsbeauftragte in den Knast kommen, wenn er das durchgehen ließe.
Das ist so das objektivste, was man über die Fallas schreiben kann.
Das subjektive steht dann im Besuch-Tagebuch weiter oben (komm ich hoffentlich bald zu).
Weitere treffend formulierte Impressionen zu den Fallas gibt’s auf der Seite von Marco:
“Die Stadt steht Kopf…”
“Die Stadt steht Kopf… - Teil II”
“Die Stadt stand Kopf… (Nein, sie war komplett verrückt!)”
“Die Stadt stand Kopf… (Nein, sie war komplett verrückt!) - Teil II”